Ballett-Themenwoche: Kann ich als Erwachsene mit Ballett anfangen? Ein Interview mit Thierry Paré – Ex-Solist, Tanzpädagoge und Physiotherapeut

Ballett für ErwachseneFoto-Credit: Vreni Arbes

„Eigentlich bin ich ja nur zufällig zum klassischen Ballett gekommen, um mein Jazz zu verbessern. Und warum habe ich Jazz gemacht? Weil es einfach Spaß gemacht hat! Die Tiefe des Balletts, habe ich dann (erst) mit dem Balletttanz entdeckt.“

Thierry Paré startete mit 17 Jahren eher zufällig seine klassische Ballettausbildung in Paris. Anschließend tanzte er als Gruppen- und Solo-Tänzer in Düsseldorf in der Deutschen Oper am Rhein, wo er aufgrund eines Probeunfalls nach acht Jahren seine Tanzkarriere beenden musste. 13 Jahre später fand er durch Butho zurück zum Tanz, sogar kurz auf die Bühne und noch heute steht er voller Leidenschaft im Ballettsaal. Allerdings auf der anderen Seite, wenn er mit viel Engagement Hobby-Tänzer aller Levels im Münchner PAS und europweit unterrichtet.

Wir mögen Thierrys Unterricht – auch wenn es echt fies ist, dass er gefühlt zehnmal so lang die Balance halten kann wie Blandine und ich. Als Ex-Profi, Physiotherapeut und Ballettlehrer ist er natürlich der perfekte Interview-Partner für unsere Ballett-Themenwoche. Viel Spaß bei dem spannenden Ballett-Interview:

1. Kann ich als Erwachsene mit Ballett anfangen?

Auf jeden Fall! Jeder kann (immer) anfangen zu tanzen! Natürlich sollte man andere Ansprüche an sich selbst haben und sich mit über 25 Jahren nicht unbedingt als Ballerina auf der Bühne sehen. Das Wichtigste ist, die Voraussetzungen des eigenen Körpers zu respektieren. Dann kann so ein Training super sein. Nicht nur, weil es Spaß macht und man immer schon Ballett tanzen wollte, sondern auch als Training überhaupt im Sinne von Koordination, Dehnung, Kraft und Balance. Man hat tolle Möglichkeiten mit Ballett wirklich etwas Gutes für den Körper zu tun.

2. Welche Voraussetzungen braucht man als Hobby-Ballerina?

Prinzipiell kann erstmal jeder starten, der einigermaßen gesund ist. Das Einzige, was man als Hobby-Ballerina braucht, ist ein einigermaßen guter, gesundheitlicher Zustand, der Herz-, Lungen-Kreislauf muss stimmen. Natürlich kann dies auch mithilfe von Ballettunterricht verbessert und gefördert werden, aber wenn jemand natürliche Probleme mit dem Herzen hat, muss dies vorab mit dem entsprechenden Mediziner abgesprochen werden.

Ansonsten sollte man Gelenk-mäßig einigermaßen gesund sein. Andersrum kann das Training bei jemandem mit einer leichten Arthrose sogar einen positiven Effekt auf den Körper haben, im Sinne von Koordination, Kraft, Balance und Dehnung.

Auf keinen Fall würde ich jemandem empfehlen mit Ballett zu starten, der ein Problem mit Hinken hat, da Hinken auf ein Belastungsproblem auf einer Seite hinweist und wir beim Ballett häufiger auf einem Bein arbeiten, was dann natürlich schädlich sein kann.

Seid ihr fit, dann los! Aber bitte darauf achten, dass ihr ein vernünftiges Ziel habt. Es  muss einem klar sein, dass beim Start mit 30 oder 40 Jahren bestimmte Sachen nicht mehr möglich sind.

Wie ist das mit Rückenproblemen beim Ballett? Einige Mütter haben nach der Geburt oder vom Tragen des Babys Rückenbeschwerden. Könnte hier Ballett sogar gut sein?

Immer nach Absprache mit einem guten Arzt. Diese Frage kann ich so pauschal nicht beantworten. Es hängt auch stark davon ab, was für ein Rückenproblem vorliegt. Ist es eine Blockade, wird sich Bewegung eher positiv auf den Rücken auswirken. Liegt ein Bandscheiben-Vorfall vor, ist es absolut verboten, Ballett zu machen.

Post Geburt haben viele Mamas erst einmal ihre gute Betreuung mit Hebammen, Krankengymnastik und Rückbildungsgymnastik. Das ist die erste, wichtige Vorbereitung und danach können Mamas super mit Ballett starten.

3. Wie oft pro Woche sollte man trainieren, um erste Erfolge zu erzielen?

Ah oui, die Frage wie oft man trainieren sollte ist da! (lacht)

Im Rahmen der Sporttherapie, der Sportmedizin, wird Folgendes gesagt: Zwei- bis dreimal pro Woche Training führt zur Festigung der vorhandenen Haltung. Ab dreimal pro Woche Training findet eigentlich erst der muskuläre Aufbau statt.

Einmal pro Woche Training ist meines Erachtens einfach nicht realistisch, auch wenn es ein sehr gutes Training  ist. Ihr könnt beispielsweise auch zweimal im Ballettunterricht und eimal zu Hause trainieren. Oder später einmal im Ballettunterricht und zweimal daheim. Das mit dem regelmäßigen Ballettunterricht ist natürlich auch immer ein Kostenfaktor.

4. Sollte man vor der ersten Ballettstunde einen Express-Französisch-Kurs belegen? Was sind die gängigsten Begriffe?

(lacht) Nein! Natürlich sind es am Anfang viele neue Begriffe und man kommt ein wenig in Stress, aber mit mehr Routine versteht man besser und besser.

Und um die zweite Frage zu beantworten: Für den Start reicht es aus, die Begriffe erste Position, zweite, dritte, vierte und fünfte Position zu kennen.

Die fünf Ballett Positionen

Ein paar Grundbegriffe im Ballett:

  • Plie: Das Beugen der Knie
  • Port-de-bras: Die Armführung
  • Tendu: Eine Grundbewegung (Schleifbewegung des Fußes am Boden)
  • Effacé oder Ecarté: Die Körperhaltung zum Publikum
  • Pas-de-bourrée: Ein Grundschritt in der Mitte

5. Tipptopp durchgestylt in die Ballettklasse? Wie wichtig ist das richtige Outfit im Training? Was sollte immer dabei sein?

Man braucht kein besonderes Outfit! (Anm.: Die Erfahrung der Redaktion ist hier ja eine andere, zu pinkfarbenen Ballettröcken und diversen Trikot-Varianten aber später mehr.)

Um gut arbeiten zu können, brauchen wir Lehrer Sicht auf den Körper, insbesondere auf Schultern, Becken und Beine. Für den Start reichen eine Leggings und ein nicht zu weites T-Shirt völlig aus. Absolut wichtig sind die Ballettschläppchen! Hierzu bitte unbedingt im  Ballettfachgeschäft beraten lassen, denn die Schläppchen müssen perfekt passen, wie ein Handschuh.

Möchte jemand zur Probestunde trotzdem auf Schläppchen verzichten, dann bitte in Socken kommen, aber auf keinen Fall in Gymnastikschuhen mit Gummisohlen, denn diese stoppen das Gleiten.

6. Schädigt Ballett den Körper?

Im Amateur-Bereich sage ich ganz klar: Ob Ballett schädigt oder nicht, ist immer abhängig davon, ob ein Pädagoge gut ist und ob der Schüler bereit ist,die Korrekturen anzunehmen,  die der Pädagoge gibt. Ballett kann wunderbar für den Körper sein, aber auch schädlich, wenn nicht entsprechend unterrichtet wird oder Korrekturen nicht angenommen werden.

Jeder Körperbau ist anders und so sind die Korrekturen der Lehrer im Training sehr individuell und wichtig. Das bedeutet beispielsweise bei Balletttänzerin A, sie hat eine komplett andere Auswärtsposition der Füße als Balletteuse B und muss folglich anders für ein Tendu arbeiten.

Bei professionellen Tänzern, die jeden Tag acht Stunden tanzen und das über 20 Jahre hinweg, wird Ballett auf jeden Fall seine Schädigungen mit sich bringen.

Anm.: Ballettschulen für Erwachsene in München mit tollen Lehrern findet ihr hier: Ballett für Erwachsene: Ballettschule München gesucht? Drei Tipps für Anfänger und Wiedereinsteiger.

7. Wie hilfreich sind YouTube Videos?

Das ist ein gutes Thema. Nicht als Anfänger! Das ist ein bisschen wie früher mit den Aerobic Videos. Ist kein Basiswissen vorhanden, ist es schwierig, die gezeigten Übungen ohne Lehrer richtig zu nachzumachen. Hat man bereits ein Gespür für den Tanz und erste gute Korrekturen bekommen, ist es eine gute Sache und eine schöne Ergänzung zum Training. Wenn man denn das richtige Videomaterial findet!

8. Hast du Tipps, um den Körper auf den Unterricht vorzubereiten?

Ein stabiler Rumpf ist wichtig für den Ballettunterricht. Das Zentrum der Stabilität läuft über den Rumpf. Hier sollte man seine Rumpfmuskulatur trainieren, sprich Übungen für die Bauchmuskulatur machen. Beim Tanzen ist das essentiell für das Gleichgewicht, die Arbeit auf einem Bein und die Achse bei Pirouetten (Drehungen).

Auf YouTube finden sich beispielsweise einfache Übungen mit Theraband, um die Fußspitzen zu trainieren. Wer unsicher ist, kann sich diese Übungen kurz vom Physiotherapeuten zeigen lassen. Wichtig ist hier, immer die Knie gestreckt zu halten, damit die Koordinationsarbeit, Fuß gestreckt und Knie gestreckt geübt wird.

Auch gängige Dehnungen für die Bein-Dehnungsmuskulatur, die man vom Sport kennt sind gut. Dehnung von der hinteren Oberschenkelmuskulatur, Hüftbeuger, vordere Oberschenkelmuskulatur, Adduktoren und so weiter.

Würdest du klassische Sit-ups empfehlen zur Stärkung vom Rumpf?

Gute Frage, die Bauchmuskulatur… Ich kenne zehn Stufen von Bauchmuskulatur. Also zehn in Anführungsstrichen. Die meisten Leute, die zu mir in die Praxis kommen, zeigen mir Übungen für Stufe vier oder fünf oder acht, von mir aus sogar zehn, obwohl sie muskulär Stufe zwei sind. Es ist unglaublich schwierig, sich selbst in Bezug auf die eigene Bauchmuskulatur einzuschätzen und die richtigen Übungen zu finden. Meine Empfehlung: Einmal zu einem wirklich guten Physiotherapeuten gehen und durchchecken lassen. Ich stehe gerne zur Verfügung. (lacht)

Dann hängt quasi die Bauchübung, die man machen soll, davon ab, wie stark die Muskulatur ist?

Voilà. Die Qualität deiner Arbeit wird immer davon abhängig sein, ob du in der richtigen Stufe arbeitest und die Ergebnisse hängen natürlich von der richtigen Arbeit ab.

9. Die Frage der Fragen: Ab wann kann man als später Anfänger auf Spitze tanzen?

Auf Spitze tanzen ist eine gewaltige Arbeit für den Fuß. Wenn der Fuß (beziehungsweise die Fußmuskulatur) dafür noch nicht bereit ist, können riesige Schädigungen für den Fuß entstehen. Dann knickst man um, weil die Stabilität auf Spitzenschuhen kleiner ist und hat Bänder, die eventuell auf Jahre überdehnt sind. Kinder nicht vor 10/11 Jahren und bei Erwachsenen würde ich das stark vom Einzelfall abhängig machen. Ein guter Tanzpädagoge erkennt, ob Kraft, Stabilität und Balance für das Spitzenschuh-Training ausreichen.

10. Was macht Ballett für dich so besonders? Welche Elemente vereint diese Form von Tanz für dich?

Ballett ist für mich die Sprache meines Köpers, eine Form mich auszudrücken und die Möglichkeit mich rauszuholen aus meinem, vielleicht, Versteck. Wenn ich tanze, öffne ich meine Seele, öffne ich mich und habe das Gefühl, dass ich alles verliere im Sinne von Stress, Ängsten et cetera. Und in mir finde ich die Ruhe, bin bei mir!

Obwohl der Tanz sehr spannungsreich ist. Schließlich ist Ballett eine unglaubliche Arbeit mit dem Körper und verlangt Tänzern einiges ab: Kraft, Koordination, Dehnungsfähigkeit, Balance und die absolute Genauigkeit einer Bewegung. Das ist wie beim Golf spielen, du kannst nur deine „Pirouette“ drehen, wenn du immer wieder versuchst, den richtigen Schwung zu finden.

Und trotzdem ist der Tanz die Möglichkeit, eine zweite Ebene zu finden, wo man ab einem bestimmten Moment eine Bewegung nicht mehr nur körperlich fühlt, sondern auch in der Spannung des seelischen Zustands. Die Qualität deiner Bewegung ist immer von deiner Bereitschaft, dich zu öffnen, geprägt.

Ballett war immer eine Kompensation für mich, um mich auszudrücken, weil meine Verbalkommunikation früher viel schüchterner war.

(Innere) Ruhe ist etwas, das jeder Mensch für sich finden sollte. Und Ballett kann für jeden Menschen diese Möglichkeit bieten, ab dem Moment, wo man entdeckt, dass dieser Tanz mehr als eine rein körperliche Arbeit ist.

Thierry Paré // Physiotherapie in München // Ballettunterricht in München

Lieber Thierry, vielen Dank für das interessante, tolle Interview!!

Foto-Credit Header: Vreni Arbes Fotografie

Illustration 5 Positions: Julia Fuchs, www.foxinthebox.de (1000 Dank liebe Julia!!)

Foto-Credit Tänzer Thierry Paré: www.thierry-pare.de